"Tagebuch einer Sägespänewitwe" 

 

26.1.2004 – Montag

Wolfgang reist heute für knapp 3 Wochen nach Deutschland. Wir füttern morgens die Pferde und fahren los. Die Fahrt nach Kamloops verläuft ruhig; ab Clinton ist die Strasse erwartungsgemäß trocken und fast eisfrei. Das Einchecken klappt ebenfalls und schon müssen wir uns verabschieden. Beim Verlassen des Flughafengeländes schaut unser Hund Bart schon sehr skeptisch, weil wir mit Herrchen gekommen sind, nun aber ohne Herrchen wegfahren... er guckt ständig aus dem Fenster und sucht nach Wolfgang. Erste Anzeichen des „Ab-heute-musst-Du-selber-ran“-Syndroms: ich sage laut „Hier muss ich rechts ab“, fahre aber geradeaus weiter. Nach einem kleinen Umweg, der sich bei den Canadischen Dimensionen zur Stadtrundfahrt entwickelt, lande ich dennoch im angestrebten Supermarkt und kaufe noch das Nötigste für die nächsten Tage ein. Dann geht es Richtung Heimat.

 27.1.2004 - Dienstag

Heute Nacht hat es reichlich geschneit. Die Außentemperatur heute morgen war ebenfalls nicht gerade ermutigend: -26°C. Ich füttere den Heizofen reichlich und der Rauch setzt sich hartnäckig an mir und meiner  Kleidung fest. Immer, wenn ich den Kopf schüttle und es kommt wieder so eine Wolke aus meinem Haar, denke ich, es brennt irgendwo...

Wer kennt nicht die Geschichte vom Rentner oder Aussteiger, der sich mit seiner Frau ein Haus in ländlicher Umgebung kauft und den ersten Schnee dort genießt... bis er vor lauter Schneeräumen eines Tages durchdreht? Na, mir kann so was nicht passieren, haben wir doch einen hübschen roten Traktor mit einem großen Schneeschild zum Räumen! Kaum ist Wolfgang nach Europa unterwegs, schneit es hier wie verrückt (Petrus, das nehme ich persönlich!). Aber ich weiß ja, was zu tun ist und erklimme jenen roten Trecker. Der springt auch dienstbeflissen an und tuckert munter vor sich hin. Ich lasse ihn   -  ganz Profi in Sachen Diesel bei minus 28°C – cirka 40 Minuten warmlaufen und bringe inzwischen die Pferde auf die Koppel . Unser kleiner Joey kann’s kaum erwarten, aus dem Stall zu kommen. Jumbo ist darüber weniger glücklich  und will nicht aus der Box (der Kleine knabbert immer an ihm und da muss er so fürchterlich jungfräulich quietschen; das strengt an). Ich muss also mit dem kleinen Hengst zum großen Jumbo in die Box, damit der „Opa“ rauskommt. Seeeehr lustig...

Auf den 500m Metern zur Koppel bleibt der kleine Joey mindestens 10 mal  stehen. Hat wohl irgendwo ein kleines Muli im Stammbaum... (sorry, Monika!). In den Fenstern sieht er sich selbst und meint, da wären vielleicht noch ein paar andere Mulis zum Spielen... Und ausserdem wiehern ihm und Jumbo die Mädels nach, die noch im Stall warten müssen. Endlich sind wir auf der Koppel; Joey zum Wenden und Torschliessen schön auf der Innenseite, damit Jumbo ihn ein wenig eingrenzt, sollte er auf dumme Gedanken kommen. Aber Jumbo ist froh, wenn er den Kleinen Knabberer vom Leib hat und weicht dem prompten Selbstbefreiungsversuch nur zu gerne aus. Flutsch – ist Joey auch schon buckelnd und freudig mit dem Popo trompetend kreuz und quer auf der Koppel unterwegs, den Führstrick hinter sich herschleifend. Ich lass ihm die Freude, die eh nicht lange währen wird: er wird schnell merken, dass es sehr unbequem ist, mit einem Führstrick am Halfter ein Rodeo zu veranstalten.

Dann hole ich Winny, die schon in der Box rotiert. Vor lauter Aufregung um ihren Jumbo hat sie ziemlich geschwitzt. Das Führen ist eine Geduldsprobe. Der hoch aufgerichtete und aufgedrehte schwarze Gaul würde mich am liebsten im Trab umkreisen (= interaktive Bodenarbeit = 2. Wahl), oder aber besser noch gleich alleine davonstürmen in Richtung Koppel (1. Wahl). Kaum haben wir die Hälfte des Weges, wird sie etwas ruhiger, weil wir der Koppel schon näher kommen. Aber da rufen die 2 Freundinnen, die noch im Stall sind, und Winny hat prompt wieder einen Grund, sich aufzuregen. Mit der erfahrenen Sarah zur Seite und 3 wartenden Genossen auf der Koppel klappt später das Führen der kleinen Smartie ganz gut. Allerdings hat auch sie zuweilen ihren Kopf und der Vergleich mit dem Muli drängt sich wieder auf, als sie entweder stehen bleibt oder versucht, mich umzurennen. Na, da soll doch gleich... so aber nicht, Frollein! Endlich sind alle Racker „verstaut“ und der kleine Joey steht brav am Tor und lässt sich anstandslos den Strick abnehmen. Na, geht doch!

Es schneit weiter fleißig und ich erklimme nun den Traktor und tuckere zur Tat. Leider komme ich nicht weit, denn nach 300 Metern geht der Motor aus und das Ding springt nicht mehr an. Die 2 1/2 Wochen ägespänewitwendasein fangen ja gut an. Gott sei Dank, sei nun gesagt, dass es schon nach 300 Metern passiert ist: die Strasse, die ich räumen wollte ist 2 km lang... kein angenehmer Fußmarsch bei der Witterung.

Ich gehe also zurück, sage kurz meinen Englischunterricht ab und hole Generator und Warmluftgebläse, denn offenbar ist es dem Dieselchen bei minus 28°C zu kalt zum arbeiten. Während der Traktor die Heißluft-Behandlung über sich ergehen lässt (die angesichts der Temperaturen zum grademal frostfreien Lüftchen avanciert), komme ich den Pflichten in Sachen Stalldienst nach und schaufele meine „TDD“ (tägliche Dosis Dung – auf Englisch „DDD“ = daily dose of droppings) in die Schubkarre. Natürlich verfolgt mich auch hier das Pech und die letzte Schubkarre bleibt an der Schwelle hängen: die ganze gesiebte und geschaufelte Sch... kippt in die Box.  Ich glaube, ich lege mich jetzt 2 ½ Wochen ins Bett, geh' nicht mehr ans Telefon und mach' die Tür nicht mehr auf, bis mein Wolfgang wieder da ist, oder? NEIN-NEIN, soooo schnell gebe ich nicht auf!

Als ich endlich frische Späne in alle Boxen verteilt habe, gehe ich nach dem Patienten sehen. Der Generator arbeitet noch, der Lüfter läuft noch mittellauwarm bis minderkalt; ich wage einen Versuch, den Traktor zu starten. Fehlanzeige. Er friert noch immer. Vom Startversuch wird die Batterie allmählich schwächer. Ich lade den Generator sowie den Heizlüfter wieder auf den Truck und vertage den nächsten Versuch auf ein anderes mal.  Schließlich sind wir hier in der Cariboo, und da gehen die Uhren (und Internet-Anschlüsse...) nun mal anders. Außerdem friere ich inzwischen nicht wenig, denn ich bin pitschnass – von innen her, weil die Klamotten durchgeschwitzt sind, von aussen, weil die Jacke durchgeweicht ist und mein Haar tropft. Die kleine Schicht Schnee auf dem dunklen Haupt steht mir, glaub ich ganz gut... der rote Traktor daneben gibt einen netten Farbakzent und da ich mich heute schon schwarz wie Ebenholz geärgert habe, könnte ich mich glatt Schnee-Frierchen nennen. Nun fehlen nur noch die 7 kleinen Traktor-Mechaniker...  Abends beim Heimholen der Vierbeiner habe ich fast zwei Pferde auf dem Schoss, weil da plötzlich so ein ungewohntes rotes Ungetüm im Weg steht....

Nach dem Feierabend im Stall mache ich mich daran, das Schild für den Feuerschlauch zu beschriften. Es versteht sich fast von selbst, dass ich mich verschreibe, oder? Ist einfach nicht mein Tag heute.

28.1.2004 – Mittwoch

Wolfgang ist gut drüben angekommen. Das ist eine gute Nachricht und ich bin sehr beruhigt.

Bislang sind keine besonderen Vorkommnisse zu berichten: Wir haben immer noch um die –25°C, Joey bleibt wieder alle paar Meter stehen, Smartie ebenso – sofern sie mich nicht wieder halb umrennt: der Traktor ist zu gefährlich, um einfach normal daran vorbeizugehen; gleiches gilt für das Koppeltor. Unser Hund Bart mischt wie immer alle Pferde auf, dass sie nur so um mich herumbrettern, und die Pferde haben wiedermal ihre Führstricke über den Zaun ergattert und großzügig  auf der Koppel verteilt. Nein, die Schubkarre fällt heute nicht um, und – ebenfalls NEIN – der Traktor springt wieder nicht an! Es soll ja die Tage wärmer werden, haben sie im Radio erzählt (muss es ja zwangsläufig, habe ja stundenlang den Heizlüfter neben dem Traktor laufen lassen und die ganze Cariboo geheizt....).

Damit mir nicht langweilig wird, warten die lieben Pferdchen abends mit neuen Zicken auf: Obwohl – oder weil - es schon ungewöhnlich spät ist (es grenzt an Illusion, sich in einem normalen Zeitrahmen von meiner seeehr netten, aber ungemein redseligen Friseuse loszueisen, dabei war ich extra 20 Minuten       v o r   dem Termin dort), wollen die Pferde heute nicht ans Tor kommen (beleidigt?). Es wird schon dunkel und die Zeit drängt, aber sie rühren sich nicht von der Stelle. Nicht einmal Bart bringt Bewegung in die Herde. Ich muss die ganze Koppel runterlatschen und jeden einzeln holen. Nach 2 Stunden ist endlich der letzte Vierbeiner in seinem Stall und es stockdunkle Nacht.

29.1.2004 – Donnerstag

Es ist wärmer geworden. Und es hat heute Nacht wieder geschneit. Mir kommt die Geschichte mit dem Schneeschaufler immer öfter in den Sinn... Vor allem, als ich mit den Pferden an der Hand meine täglichen 6 km Koppelbringen und –holen durch den wadenhohen Schnee stapfe. Ich könnte mir ja einreden, dass das ganz toll ist und furchtbar fit macht, aber irgendwie fehlt mir dazu das letzte Quäntchen innere Einstellung, vor allem, wenn mir die Zunge fast am Nabel hängt. Am späten Vormittag kommt die Sonne hervor und ich hege die leise Hoffnung, dass dies auch unseren kleinen Roten etwas erwärmt. Um nichts dem Zufall zu überlassen, stelle ich den Truck davor ab und versuche mein Glück unter Zuhilfenahme des Überbrückungskabels. Unser Nachbar Bob (ja, der heißt wirklich so, und er hat auch einen Schneepflug! -> siehe Schneeschaufler-Story) kommt des Weges, kann aber auch nicht viel tun.  Der Rote schmollt immer noch, aber ich habe keine Zeit, ihm gut zuzureden, denn ich muss in die Stadt zum Unterricht. Als ich abends heimkomme, ist unsere Strasse geräumt. Bob hat sich erbarmt und ich genieße es, wieder normal gehen zu können, ohne stapfen zu müssen. Man wird bescheiden...

30.1.2004 – Freitag

Nachts hat es wieder geschneit, Gott sei Dank nicht gleich wieder wadenhoch. Aber es ist immer noch –17°C. Auf dem Rückweg von der Koppel drohe ich dem Traktor mit dem Finger: „Heute um ein Uhr spätestens will ich, dass du wieder was tust! Jetzt ist es genug!“ Der Rabe, der uns grade überflog krächzte dazu, als wollte er mir beipflichten.

Pünktlich um viertel vor eins kam ich mit dem Truck. Nachdem ich dem kränkelnden Bulldog ein paar wärmende Lavatherm-Kissen auf den Motorblock verteilt hatte, zückte ich die  Überbrückungskabel: Konsequenz ist alles! Rein in die Fahrerkabine und VORGLÜHEN lassen - sicherheitshalber über eine Minute. Soll er seine Chance haben...

Na, und was sag ich? Was passiert? Was kommt jetzt? Es ist punkt ein Uhr mittags und

DER TRAKTOR SPRINGT AN ! 
 

Jetzt aber an die Arbeit!  Die  Strasse ist im Nu geräumt und die Stallarbeit fällt auch wieder leicht, denn ich muss die Schubkarre nicht mehr einzeln hinter den Stall durch den tiefen Schnee schieben, sondern kann alles in die große Schaufel am Traktor laden und motorisiert den Misthaufen bereichern. Endlich wieder Mensch!

P.S. Natürlich habe ich abends fast zwei Pferde auf dem Schoss, weil das Ding nun NICHT mehr dasteht...

31.1.2004 – Samstag

Nachmittags waren Bob und seine Frau Rose zum Kaffee bei mir. Sie haben die Hunde (z.Zt. 13 Stück!) auf Bobs Grundstück laufen lassen und Bob hat sich wieder ans Schneeräumen gemacht (er tut das mit Hingabe und Augenmass – und sicherlich wollte er meine krummen Räumspuren vom Vortag begradigen, denn er ist ein Perfektionist...). Währenddessen haben wir Frauen geplauscht und Fotoalben gewälzt. Ist das nicht herrlich altmodisch? (Think positive!) ... Habe ich schon erwähnt, dass wir seit 9 Monaten ohne Fernseher leben?

01.02.2004 – Sonntag

Heute lass ich’s ruhig angehen. Nur nicht hetzen. Wir haben herrliches Wetter und +6°C. Sind das nicht irre Temperaturschwankungen?

Der Tag verläuft gemütlich und ruhig. Na ja, gaaanz ohne Verzögerungen geht’s hier ja doch nicht und die kleine Smartie hat natürlich beim Rausbringen wie immer Zicken am Koppeltor gemacht („das sieht heute gaaanz anders aus, als gestern, daaaa geh’ ich nicht durch!“). Kennen wir schon. Ist jeden Tag das Gleiche, einmal morgens, einmal abends. Aber dem Tor ist das egal...

Am Abend war ich allerdings baff erstaunt, wie schnell doch die jungen Pferde lernen (wenn sie wollen): Ich rufe Jumbo und Joey – die beiden gehen immer zuerst – und Joey kommt sofort! Aber das ist noch nicht alles: er stellt sich brav neben Jumbo hin und lässt sich wie ein alter Hase ohne mit der Wimper zu zucken anhängen. Irritiert aber glücklich marschiere ich mit den beiden los. Die ungewohnte Harmonie hält genau bis kurz vor unserer Einfahrt an. Da fällt es Joey ein, dass er bislang viel zu brav war. Fünfzig Meter vor dem Stall versucht er mit aller Gewalt (einschliesslich Ansatz zum Steigen), umzukehren und zu den anderen zurückzulaufen. Ich lasse Jumbo einfach weitertrotten und kläre kurz die Sache. Dabei fällt mir dann ganz nebenbei auf, dass ich es mit Smartie zu tun habe und Joey noch auf der Koppel steht. Hätte ich doch „Das doppelte Lottchen“ etwas aufmerksamer gelesen – vor allem die Kapitel mit den vertauschten Zwillingen (Joey und Smartie sehen sich auf den ersten Blick sehr, sehr ähnlich und haben obendrein beide ein rotes Halfter...)! UND WIE UM DIE TÄUSCHUNG PERFEKT ZU MACHEN GING SMARTIE HEUTE ABEND OHNE ZÖGERN DURCH DAS KOPPELTOR...

2.2.2004 – Montag

Meine Güte, seit gestern haben wir schon Februar. Der erste Monat im neuen Jahr ist schon rum – wo ist nur die Zeit hin? Mein Finger ist auch schon fast verheilt; ich hatte mich am Weihnachtsabend bös’ geschnitten.

Tja, alles, was ich in den letzten 30 Jahren in Deutschland nicht fertig gebracht habe, hole ich hier scheinbar in kürzester Zeit nach...

3.2.2004 – Dienstag

Heute muss ich überpünktlich füttern und meine Sachen zeitig herrichten, denn dienstags und donnerstags muss ich in die Stadt zum Englisch-Unterricht. Wir lernen „Englisch als unsere zweite Sprache“, das heisst, wir lernen ENGLISCH und nicht CANADISCH... Die Queen wäre „very amused“. Seitdem ich den Unterricht besuche, bin ich sprachloser denn je. Unsere Arbeiter, die beiden Carls (Carl No. 1 und Carl No. 2 J) sowie der Elektriker und der Installateur hatten den Sommer über viel Geduld bewiesen und uns sprachlich unheimlich geholfen. Von ihnen haben wir einige typische Redewendungen gelernt – und natürlich auch einigen Unsinn, den man zuerst lernt (und sich komischerweise auch sofort merken kann). Und selbstverständlich haben wir unsere neuen sprachlichen Errungenschaften von uns gegeben, wo immer sich Gelegenheit bot.  Und da komm’ ich nichts Böses ahnend in diese Englischklasse, wo Cathrin, unsere (excellente!) Lehrerin ewig lange Listen an uns verteilt - mit Vokabeln, die in der englischen Sprache zu vermeiden sind. Und was finde ich in den Listen? Na klar, alle unsere praktischen und vielfach anwendbaren Slang-Wörter. In Fettdruck steht dann daneben, dass man stattdessen geeignetere und treffendere Vokabeln verwenden soll. Warum müssen wir 5 Wörter lernen, wenn in der Umgangssprache ein einziges für alle 5 Anwendungen passt???   I ain’t like that! Jedenfalls bringe ich seitdem keinen ganzen Satz mehr heraus; immer muss ich denken ‚kann man das so sagen? Stimmt das jetzt? Ist das grammatikalisch korrekt?’  Ergebnis ist, das ich rumstottere, wie nie zuvor.  Immerhin hört sich die Gatzerei (Stotterei) in Englisch nicht viel anders an, als in Deutsch -  You betcha ! „And now first right“ – und jetzt erst recht!  (Den letzten Satz  habe ich selbst verballhornt... den wenn ich Cathrin zeigen würde... auweia...).

4.2.2004 – Mittwoch

Beim Morgentee (Earl Grey! Naja, muss doch zum Englisch passen, oder?) fällt mir ein, dass wir früher im Büro immer gerne Email-technisch mit Freunden geblödelt haben. So zum Beispiel ging mittwochs stets eine Spass-Mail  ’rum, die tröstend daran erinnerte, dass heute schon die Woche geteilt wird und das Wochenende nicht mehr sooo weit ist. Ausgeschmückt wurde das ganze stets mit Schilderungen von irgendwelchen Holzhackern oder Waldarbeitern, oder Sägespäneresten, die jene hinterlassen haben, weil sie mit ihren Äxten und Motorsägen die Woche geteilt haben. Ich habe hier zwar täglich mit Sägespänen zu tun (kriegen die Pferde jeden zweiten Tag frisch in die Box) und auch mit Kettensägen ... aber die Woche wird hier nicht geteilt... und Freitag bedeutet nicht unbedingt, dass das Wochenende schon da ist... nix mit „GSDF“ (Gott-sei-Dank-Freitag).  Wie schnell man sich doch umstellt. Aber trotzdem war’s immer herrlich, sich jeden Mittwoch was neues auszudenken.

5.2.2004 – Donnerstag

Mein Wolfgang ist nun schon eineinhalb Wochen weg. Hier vergeht die Zeit so schnell, es ist unglaublich. Aber mit den Pferdchen und vor allem auch mit unserem Privatzoo im Haus bin ich eigentlich recht gut ausgelastet.

Bart, unser Hund, darf heute mit in den Unterricht. Er ist sehr brav und bleibt schön auf seiner Decke. Ab und zu streckt er die Pfote aus und legt sie bettelnd auf mein Knie, weil im langweilig ist, aber das ist schon alles. Den kleinen Kerl kann man wirklich überallhin mitnehmen. Nach der Englisch-Klasse hechte ich in die Bücherei nebenan und logge mich schnell in deren PC ein, um nach Emails zu sehen. Da Wolfgang den Laptop dabei hat und viel per Email erledigt, sind diesmal Gott sei Dank nicht an die 300 Nachrichten aufgelaufen, die ich normalerweise erst  filzen und aussortieren muss, bevor ich überhaupt dazu komme, eine einzige Email zu öffnen und zu speichern. Vom Bearbeiten will ich mal gar nicht reden. Das muss ich meist zuhause offline machen. Unser geflügeltes Wort ist daher: wenn’s mal eilt, bloss nix per Email senden! Unlängst ist es mir 2 mal passiert, dass ich Mails von Freunden gelöscht habe und der restliche Schrott blieb unversehrt. Das Alter... Ich hoffe, es wundert sich, niemand, dass die Antwort ausbleibt oder ist gar böse. Ich weiß nicht mal, von wem die unglücklicherweise ungelesen abgeschossenen Mails waren. Ich hoffe nur, dass die betreffenden Leute sich noch mal melden... Es wird wirklich Zeit, dass wir im Busch einen Internetanschluss bekommen und sei's per Satellit (wenn's doch nur nicht so teuer wäre...).

Auf dem Heimweg schaue ich noch schnell in den Telus-Laden (Telefongesellschaft – die einzige und allmächtige in B.C. – Telekom zu ihren übelsten Zeiten lässt grüssen). Ich erstehe ein Datenverteilerkästchen, welches an das Funk-Telefon angeschlossen wird. Wir haben ja leider noch immer keinen normalen Festnetzanschluss und müssen uns mit einem Handy-Anschluss und einem 3-Watt-Bag-Phone kommunikations-medizinisch über Wasser halten. Aber wollen wir mal nicht meckern; noch vor drei Monaten mussten wir, um überhaupt Empfang zu kriegen entweder aufs Dach klettern, oder aber 12 km mit dem Auto fahren, um in den nächsten Service-Bereich zu gelangen. Und Europa mault, wenn es mal in ein Funkloch gerät....

Aber zurück zur Wunderbox-Geschichte: Nun, da will ich doch glatt wissen, was technisch hier noch geht. Kaum zuhause, wird auch gleich gebastelt. Das Faxgerät muss als erstes dran glauben. Sobald der Anschluss steht, werden gleich ein paar Bekannte mit einer Test-Mail bedacht. Die Sache klappt, die Antworten trudeln ein. Ich schwebe! Da muss noch mehr gehen! Ich baue das Telefon im Erdgeschoss ab und schleppe die Anlage nach oben zum PC. Irgendwo im Tackroom (Sattelkammer – momentan Lager für Umzugs-kartons) haben wir das Modem in einer Kiste. Ich erwische natürlich erst das falsche und wundere mich, dass die Installation nicht klappt. Erst als ich unser gutes altes Modem ausgrabe und anschliesse, kommen die vertrauten Geräusche – eine Mischung aus Blechpatschen, Maultrommeln, Sphärischem Rauschen und intergalaktischem Trillerpfeifen, aus dem kleinen Verstärker... Es wird spannend. Das Bild baut sich auf.... und baut sich auf.... und baut sich auf.... HA! Da! Ich habe Internet-Anschluss hier bei uns zuhause! Es geht, es ist möglich! AAAABER: Es dauert Ewigkeiten, bis das Bild aufgebaut ist. Die Funkverbindung ist unglaublich unstabil: sobald ein Zug vorbeifährt, ist sie weg. Die Minuten sind endlos, bis eine Information ankommt.  Hinzu kommt, dass das eigentliche Telefon – ein blankes Metallkästchen im Zigarrenschachtel-Format – derart heiss wird, dass ich befürchte, es knallt etwas durch. Was die sogenannte Cell-Phone-Verbindung angeht,  archiviere ich diesen Versuch als gelungen, aber uninteressant, weil im Alltag nicht duchführbar. Immerhin WEISS ich jetzt, dass es GEHT...

06.02.2004 – Freitag

Teresa, die Frau unseres Installateurs, ruft mich heute an und fragt, ob ich morgen in den „Dusty Rose Pub“ komme. Herb (ihr Mann) ist in der Gegend auch als Musiker bekannt und beliebt, und alle paar Wochen spielt er abends im „Dusty Rose“ Country Musik. Meist kommen zu solchen Abenden mehrere Musiker zusammen. Selbst diejenigen, die eigentlich nur zum Essen und Zuhören kommen, haben fast immer ihre Gitarren im Auto, zumindest jedoch eine Mundharmonika. Meist dauert es nicht lange, bis sie es nicht mehr aushalten und sich zu den aktiven Musikern gesellen. Solche „Country Sessions“ sind hier normal und es ist immer spannend, wer wohl heute dazustossen wird: Ob es diesmal eine Bassgitarre mehr ist, oder ob der Sohn von so-und-so auftaucht und das Schlagzeug dabeihat, oder ob die Tochter vom Plumber mit von der Partie ist und als Leadsängerin fungiert. Wirklich schön, wie sich die Musiker hier engagieren und vor allem, wie normal und selbstverständlich jeder an- und aufgenommen wird, auch wenn der Gitarrist kein begnadeter Mark Knopfler oder die Sängerin keine Shania Twain ist. Der Spass, den diese Leute dabei haben, der springt auch zum Publikum über und steckt alle an. Unglaublich.

Ich danke Teresa für den Tip, lasse aber offen, ob ich komme. Sie erzählt mir noch, dass Herb am Sonntag ebenfalls spielt, und zwar im „Little Horse“. Dort findet ein sogenannter „Bayerischer Abend“ statt. Die Pächter sind aus München, und da es bei den Canadiern immer gut ankommt, wenn es deutsches Essen und deutsche Musik gibt, bieten Ellie und ihre Eltern regelmässig heimatliche Schmankerln mit Tralala an (NEIN, keine Bierzelt-Musik, kein Humpa-Humpa-Tätärä und auch keine Schunkelei...). Eigentlich müsste ich mich mal wieder bei Ellie sehen lassen, aber ich geniesse das Alleinsein mitten in der Natur, und auf Krautwickel-Atmosphäre habe ich momentan wenig Lust (nicht persönlich gemeint, liebe Ellie! - Wir kommen rüber, sobald Wolfgang wieder da ist, und ich freu' mich schon drauf!).

7.2.2004 - Samstag

Heute ist es wieder etwas wärmer geworden. Ich reisse Türen und Fenster auf und mache klar Schiff im Haus. Während ich später bei der Stallarbeit bin, kommen Bob und Rose kurz vorbei, um nach mir zu sehen und Hallo zu sagen. Im Schlepptau haben sie Karen, ihre und auch unsere Nachbarin. Karen und ihrem Mann Jim gehört das einzige Grundstück, welches direkt an unseres grenzt. Es steht - ausser einem Heuschuppen - kein Gebäude drauf, und ist nur im Sommer von Rindern zum Grasen "bewohnt".  Nach einem kurzen Plausch verabschieden sich Bob und Rose. Sie müssen zurück zu ihren 13 Hunden... Karen erzählt mir noch dies und das, was sich die Woche so bei ihr ereignet hat, und ich habe ein wenig Unterhaltung bei meiner Stallarbeit. Plötzlich erwähnt sie, den Bayerischen Abend im „Little Horse“, denn sie will dort gerne hin, hat aber keine Lust, alleine zu gehen. Da denke ich mir, dass die Krautwickel-Athmosphäre zu zweit vielleicht doch ganz lustig sein kann und so verabreden wir uns für den Sonntagabend. Nachdem Karen heimgefahren ist, halte ich mich ran und mache den Stall, wie jeden Samstag besonders gründlich, damit die Stallarbeit sonntags etwas gemässigter  ausfallen kann. Anschliessend werden alle Boxen reichlich mit frischen  Spänen aufgefüllt. Ich bin noch eine ganze Weile beschäftigt.

8.2.2004 - Sonntag

Heute habe ich also meine erste canadische Verabredung zum Abendessen. Und das ausgerechnet zu einem deutschen Abend.  Ist das nicht witzig? Der Tag verläuft wie immer arbeitsreich. Ich widme mich nach dem Blitz-Misten dem Heritage Haus, unserem Domizil. Anschliessend siegt mein gutes Herz und ich erbarme mich des Trucks und reinige den Innenraum, Schwerpunkt Beifahrerseite. Schliesslich will ich es nicht verantworten, dass Karen vor Erreichen des „Little Horse“ womöglich im Staub erstickt, oder im Schlamm auf den Fussmatten stecken bleibt.

Am Nachmittag wird schnell noch ein Pferd nach dem anderen gestriegelt, dass sie danach ganz fremd aussehen, und anschliessend wird der Heizofen für die Nacht gefüttert. Dann ist alles sauber... außer mir. ICH STROTZE! Es wird ohnehin Zeit, dass ich mich fertig mache. Ich muss duschen und Haare waschen, denn mein Alltags-Parfum – eine Mischung aus Pferdeduft und beißendem Holzrauch - ist wohl nicht das Wahre für ein Abendessen in der Öffentlichkeit, selbst wenn Chanel, Biagiotti, Sanders und wie sie alle heißen mögen, vor Neid erblassen würden, was die Hartnäckigkeit dieser Duftnote angeht... Der Abend im Little Horse ist lustig und ich bitte Lynn, eine Nachbarin von uns, sie möge mich mal in den Arm zwicken, denn das Weizenbier im Originalglas auf dem Tisch, die bayerisch-blauen Rauten auf den Servietten und die Semmelknödel mit dem Blaukraut -  und vor allem natürlich Herb, der heute ohne Cowboyhut jodelt -  täuschen perfekt über unseren Aufenthaltsort hinweg. Da das Little Horse ein Log-Haus (Blockhaus) ist, könnte man durchaus meinen, man sitzt irgendwo auf einer Skihütte. STRANGE !

9.2.2004 – Montag

Nix aufregendes.

10.2.2004 – Dienstag

Auch heute nichts besonderes. Bin brav in meinen Englischunterricht gegangen und habe Bart mit einem grossen Schweineohr zum knabbern im Auto gelassen. Er hat es nicht mal angerührt, weil es ihm alleine einfach nicht schmeckt. Auf der Heimfahrt kann ich mir dafür Radio bzw. Cassettenrecorder (ja, soooo altmodisch fahren wir Auto!) sparen, denn vor lauter knabbern und nagen und kauen höre ich absolut nix. Aber wie sagt man so schön? Hauptsache, es schmeckt (wieder).

Die Pferdchen hatten heute Stallruhe, wie jeden Dienstag und Donnerstag. Geht momentan nicht anders. Es ist mir zu riskant, die Vierbeiner draussen zu lassen, wenn ich nicht da bin, denn es kann schliesslich immer mal was mit dem Auto sein. Die Tage sind momentan einfach noch zu kurz, um die Pferde länger draussen zu lassen.

11.2.2004 – Mittwoch

Heute ist Grosskampftag in der Wohnung angesagt. Morgen kommt mein Wolfgang zurück, und er sollte schon ohne Macheteneinsatz ins Haus gelangen...

Meine Güte, was für ein Staub. Habe ich nicht neulich erst gründlich geputzt, bevor Bob und Rose zum Kaffee kamen? Unglaublich, was die Katzen und der Hund alles so an Sand und Haaren verteilen. Irgendwann aber habe ich es wieder geschafft. Alles ist sauber, gesaugt, gewischt, geputzt, gekehrt, ausgeschüttelt u.s.w. Der Hund ist nach draussen verbannt , ebenso die Katzen, die sowieso die Flucht ergreifen, sobald ich den Staubsauger aus seiner Ecke hole. Wenn ich sie ärgern will, brauch’ ich bloss auf sie zuzugehen und Motorgeräusche nachzuahmen, schon sind sie Weg. Gleiches gilt für die gefürchtete Sprühflasche, mit der ich sie anfangs von allen „Das-ist-kein-Spielzeug-für-Katzen“-Objekten ferngehalten habe. Hat sich übrigens bestens in Sachen Weihnachtsbaum bewährt. Allerdings waren die Klunker so verführerisch, dass ich das Wasser mit Japanischem Minzöl boosten musste..  Mittlerweile genügt es völlig, ihnen ein kurzes nachgeahmtes „Pfffft-pfffft“ anzudrohen. Das reicht aus, um sie für mindestens eine halbe Stunde von der Bildfläche verschwinden zu lassen (nein, für Las Vegas reicht der Trick doch noch nicht, denn Silver unser Kater, ist wieder zur Stelle, sobald etwas raschelt oder knistert, denn es könnte sich ja um Einwickelpapier mit etwas Essbarem handeln - Winny, unsere ebenfalls verfressene Stute,  lässt hier übrigens grüssen).

12.2.2004 – Donnerstag

So, heute wird alles ein wenig schneller erledigt, als sonst. Die Einkaufsliste muss ergänzt werden, Futter und Wasser für Bart kommt schon mal ins Auto (welches längst wieder dreckig ist). Da sehe ich: die Ladefläche muss noch vom Schnee befreit werden.

Schnell noch etwas den Stall ausmisten, reichlich nachfüttern (mit Haferkörnern zwischen dem Heu, damit sie 'was zum suchen haben), den Ofen auffüllen, duschen, umziehen und los geht’s in Richtung Kamloops. Nach meinem Einkauf ist kaum noch Platz im Auto und ich habe Bedenken, wie ich Wolfgang noch unterbringen soll...  Ha ha ha – Spässle g’macht!

Als ich den Einkaufswagen zurückbringe, ist es schon dunkel. Anschliessend fahren wir in Richtung Flughafen. Sicherheitshalber lasse ich Bart noch eine Weile an der langen Leine im Grünzeug schnüffeln und „bächeln“. Die Begrüssungspfütze vom November in der Flughafenhalle ist mir noch heute in unangenehmer Erinnerung. Als Wolfgang dann endlich wohlbehalten ankommt, amüsieren sich sämtliche umstehenden Leute über Barts nicht enden wollende Wiedersehensfreude. Vor lauter jaulen und winseln und hochspringen des Hundes ist es kaum möglich dass wir uns in in die Arme schliessen. Gegen Barts Vorstellung fällt unsere „menschliche“ Begrüssung recht sparsam aus: ich winsle nun mal nicht so gut, ich jaule auch nicht so melodiös,  und wenn ich an Wolfgang hochspringen wollte, würden wir beide auf die Schn... fallen...

Im Auto gibt es natürlich viel zu erzählen und die Heimfahrt vergeht im Nu.

UND DAMIT ENDET FÜR DIESMAL MEIN SÄGESPÄNEWITWENDASEIN, BIS ZUM NÄCHSTEMAL!

Canada-Berichte